Neues & Altes

Mal was Neues ausprobieren…

Bericht vom Streifzug „Der Ton der Erde“
von Ulrike Enders

Landstreicherei in der Umgebung von Potsdam

Natur mit fernöstlichen Akzenten

Susanne, ovales, dunkel-umrahmtes Gesicht, blaue Augen und Mona-Lisa-Lächeln, freut sich auf einen Nachmittag nur für sich allein. Vier Stunden durch die Landschaft streifen und einmal nicht für Tim, Karolin und Michaela, ihre Kinder zwischen zwei und acht Jahren, da sein – das ist der Luxus, den ihr Mann ihr heute möglich macht. Sie hat sich zu einem Streifzug entlang des Caputher Heuwegs bei Afra Riemers „Landstreicherei“ angemeldet und kommt zehn Minuten zu spät mit dem Fahrrad vom Potsdamer Bahnhof angekeucht.

Treffpunkt für den heutigen Streifzug für Frauen ist um 12 Uhr der Waldrand von Caputh. Das Thema ist „Die Töne der Erde -ihre Farben und Geräusche“. Die Naturpädagogin Afra Riemer hat die „Landstreicherei“ erfunden. Sie ist ausgebildete Krankenschwester mit Shiatsu-Erfahrung, studierte Landschaftsplanerin und Anhängerin der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Ihre Orientierung an den „Fünf Elementen“ der fernöstlichen Philosophie, Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde, bilden den roten Faden der Streifzüge.

Die Gruppe geht zunächst ein paar Schritte in den Wald, zu einer sonnigen Lichtung, wo die Rucksäcke abgelegt werden können. Jede Frau erhält eine selbstklebende Karte, die sie mit Naturmaterialien bekleben soll. Anhand der gestalteten Karten, kann die Vorstellungsrunde beginnen. Ein luftiges Grasbüschel für Leichtigkeit und Reiselust, ein raues Stück Rinde für Ecken und Kanten, Eicheln für die Kinder, ein wenig Moos für ein kuscheliges Zuhause – so kann eine naturnahe Selbstdarstellung aussehen.

Afra Riemer, sanfte Stimme und ruhige Ausstrahlung, führt mit ihrer mit Moos und Rinde beklebten Karte das feuchte Erdelement ein. Es ist das Ausgleichende oder das Zentrum der Fünf Elemente und für den Übergang, den Wechsel zwischen den Jahreszeiten und Elementen verantwortlich. Es wirkt harmonisierend und sorgt für Stabilität. In allen vier Jahreszeiten, und zwar in den ersten 18 Tagen, ist es enthalten. In dieser Zeit unterstützt es die Natur und folglich auch Mensch und Tier bei der Wandlung von einer Jahreszeit zur anderen. Zum Erdelement gehören alle Gelb-, Ocker- und Brauntöne, der süße Geschmack, die Organe Magen und Milz.

Susanne, als angehende Heilpraktikerin, ist die TCM-Lehre nicht neu. Noch besser kennt sie sich aber mit den heimischen Kräutern aus. Auf der Wiese entlang der Stromtrasse blühen viele der ihr bekannten Gewächse. Afra sammelt nun etliche unter ihnen für den „Waldtee“ und zwischen ihr und Susanne entsteht ein angeregter Austausch über die Wirkungen der verschiedenen Pflanzen. „Johanniskrautöl und Beifuss habe ich mir auf meinen verspannten Nacken gerieben, mit wunderbarer Wirkung.“ Afra knickt die weißen Blüten der Schafgarbe ab und füllt damit die Papiertüte: „Ein Sud aus Schafgarbe, ins Badewasser gegeben, wirkt entkrampfend bei Menstruationsbeschwerden.“ Beifuss und einiges mehr wandern in die Tüte und werden kommentiert: „Neulich habe ich Spitzwegerich und Honig schichtweise in ein Glas gefüllt und ein Meter tief in der Erde vergraben. Drei Monate muss es dort bleiben, im Oktober kann ich es rausnehmen. Durch die gleichmäßige Erdwärme wird daraus der beste Hustensaft für die Kinder!“

Afra führt die Gruppe quer durch den Wald, dort wo das Moos besonders dicht und die Geräusche der Fernstraße schwächer werden. Ein Waldsofa wird nun gebaut. Die Gruppe schwärmt aus, um dicke und dünnere Äste zu sammeln, die in einem kleinen Kreis, eigentlich ist es mehr ein Viereck, aufgeschichtet werden. Susanne überlegt, dass die Kinder jetzt mit Feuereifer am Werk wären. In die Mitte legt Afra ein braunes Seidentuch (Erdfarbe), zündet ein Windlicht an und fordert uns auf, auf dem „Sofa“ Platz zu nehmen. Es knackt etwas bedrohlich, doch sitzt es sich erstaunlich bequem. Afra spricht noch ein wenig von der Bedeutung des Erdelements – sich zentrieren, zur Ruhe kommen, geborgen sein – und erzählt die Zen-Geschichte von der Tasse des Lehrlings, die der Meister immer weiter auffüllte, bis der Tee über den Tisch und auf den Boden floss. Seine Botschaft: „Wie kannst du die Erleuchtung, die du anstrebst, aufnehmen, wenn deine Tasse nicht leer ist?“

Sie leitet eine kurze Meditation an – Konzentration auf die Körpermitte, dem „Hara“ der Chinesen, Hören auf die Geräusche des Waldes. Mit dem Gefühl, in ihrer Mitte zu sein, soll sich nun jede in der Gruppe einen eigenen Platz im Wald suchen. Es fällt nicht schwer, eine Stelle im weichen Moos zu finden, die die Körperformen aufnimmt, den Blick auf den blauen Himmel zwischen den Kiefern freigibt – man will gar nicht mehr aufstehen. Doch es gibt noch viel zu tun. Erst werden die Körperkonturen nachgezeichnet, dann soll der so entstandene Umriss mit Fundstücken des Waldes ausgestaltet werden. Es ist auch möglich, zusätzliche Farben zu verwenden und damit zum Beispiel die Kienäpfel zu bemalen, denn Afra hat Farbpulver, Ei, Öl und Wasser dabei, die zu leuchtendem Rot, Braun oder Grün verquirlt werden können.

Susanne hat in die Mitte ihres Umrisses eine Spirale aus Borke gelegt. Sie symbolisiert die Kraft, die ihr in letzter Zeit fehlt und die ihr, vermutet sie, ihr Wohnort Berlin entzieht.

Die frischgebackenen „Land-Art“ Künstlerinnen machen zum Abschied Fotos von „ihrem“ Platz, dann geht es wenige Schritte weiter. An einem besonders weichen, herrlich duftenden Mooshügel hält Afra ein, um Meridianübungen anzuleiten. Der Körper wird mit den Fäusten entlang der einzelnen Meridiane kräftig abgeklopft, um den Energiefluss anzuregen. Magen-, Gallen-, Lungen-, Nieren- und Herzmeridian kommen wieder in Schwung. Susanne seufzt mit erstauntem Lächeln: „Die Füße sind ganz heiß!“ „Dann geh barfuss weiter“, schlägt Afra vor. Die Teilnehmerinnen folgen der Einladung, ziehen Schuhe und Strümpfe aus und laufen über den feuchten, weichen Waldboden zurück zum Ausgangspunkt. Das Gehirn ist angenehm durchgepustet, der Körper erfrischt. Das Zeitgefühl hat ausgesetzt, alle sind überrascht, dass bereits vier Stunden vergangen sind.

Am Waldrand stehen die Landstreicherinnen noch eine Weile und tauschen sich über das Kochen nach den Fünf Elementen aus. Urlaub von den Kleinen – ja, welch ein Geschenk! Aber in den Gedanken sind sie immer dabei.